Vom Reha-Pionier zum Brückenbauer in die Arbeitswelt:
Was 1995 als erste Rehabilitationseinrichtung für Menschen mit psychischen Erkrankungen im Großraum Braunschweig begann, hat sich in drei Jahrzehnten zu einem vielseitigen Anbieter für Rehabilitation, Qualifizierung, Ausbildung und berufliche Teilhabe entwickelt. Heute begleitet Lavie Reha mit Hauptsitz in Königslutter Jugendliche, junge Erwachsene und Erwachsene auf ihrem Weg in ein möglichst selbstständiges Leben und – wo immer möglich – zurück oder erstmals hinein in den allgemeinen Arbeitsmarkt.
Wie praxisnah dieser Ansatz ist, zeigt ein Blick auf das breite Arbeits- und Ausbildungsportfolio: Von Fachinformatik, Mediengestaltung und Büromanagement über Gastronomie, Küche und Hauswirtschaft bis hin zu Holz-, Metall- und Malerberufen können Teilnehmende ihre Fähigkeiten erproben, sich qualifizieren und berufliche Perspektiven entwickeln.
Damit ist Lavie Reha längst nicht nur für die Menschen interessant, die dort begleitet werden. Auch für Arbeitgeber in der Region kann die Einrichtung ein wichtiger Partner sein: bei der beruflichen Integration, bei Praktika und betrieblichen Erprobungen und nicht zuletzt bei der Suche nach motivierten Nachwuchs- und Arbeitskräften. Gerade in Zeiten des Fachkräftemangels zeigt sich, wie wichtig Brücken zwischen Rehabilitation, Qualifizierung und Unternehmen sein können.
Zum 30-jährigen Bestehen haben wir mit Lavie-Geschäftsführerin Corinna Wollenhaupt über die Anfänge von Lavie Reha, drei Jahrzehnte Entwicklung und die Frage gesprochen, welche Rolle Unternehmen bei beruflicher Teilhabe spielen können.
Das Jubiläum wurde bereits im Sommer gebührend gefeiert. Wollenhaupt spricht von mehr als 2.000 Besucherinnen und Besuchern, die zu einem großen Fest auf das Gelände der Einrichtung in Königslutter gekommen waren, um gemeinsam mit Mitarbeitenden, Teilnehmenden und Partnern auf drei Jahrzehnte Engagement zurückzublicken.
Heute beschäftigt Lavie Reha mehr als 180 Mitarbeitende an den Standorten Königslutter, Braunschweig und Wolfsburg und begleitet rund 250 Menschen mit psychischen Erkrankungen auf ihrem Weg in Ausbildung, Beruf und gesellschaftliche Teilhabe. Aus einer kleinen Rehabilitationseinrichtung ist über die Jahrzehnte ein vielseitiges Unternehmen geworden, das medizinische und berufliche Rehabilitation miteinander verbindet.
Dass es dabei um weit mehr als Therapie geht, wurde bei einem Rundgang am Hauptstandort in Königslutter schnell deutlich. In den unterschiedlichen Arbeits- und Ausbildungsbereichen wurde gesägt, geschraubt, gekocht, programmiert und gestaltet. Lavie bildet selbst aus und begleitet junge Menschen rehaspezifisch durch eine reguläre duale Ausbildung. Sozialpädagogische und psychologische Unterstützung sowie Stützunterricht ergänzen die fachliche Qualifizierung. Das Ziel ist dabei immer der Weg auf den ersten Arbeitsmarkt.
Doch wie fing eigentlich alles an?
Mitarbeitende des damaligen Psychiatrischen Landeskrankenhauses in Königslutter hatten erkannt, dass eine medizinische Behandlung allein häufig nicht ausreicht, wenn Menschen dauerhaft wieder in Arbeit und Gesellschaft Fuß fassen sollen. Mit zunächst zwei Beschäftigten und nur wenigen Angeboten für Erwachsene begann die Geschichte von Lavie. Was folgte, war kein Wachstum nach Masterplan. Vielmehr entwickelte sich die Einrichtung entlang der Bedürfnisse der Menschen, die Unterstützung suchten. Neue Berufsfelder kamen hinzu, ebenso Wohnmöglichkeiten, Internatsplätze sowie spezielle Programme für Jugendliche und junge Erwachsene. „Wir haben unsere Angebote eigentlich immer aus dem konkreten Bedarf der Menschen heraus entwickelt. Wenn wir gesehen haben, dass etwas fehlt, haben wir versucht, genau dort eine Lösung zu schaffen“, erklärt es Corinna Wollenhaupt, die selbst seit 27 Jahren Teil dieser Entwicklung ist.
Die Erkrankungen bleiben, die Arbeitswelt verändert sich
Verändert haben sich in dieser Zeit weniger die Krankheitsbilder als die gesellschaftlichen und beruflichen Rahmenbedingungen. Depressionen, Angststörungen, Psychosen oder andere psychische Erkrankungen gab es auch vor 30 Jahren. Doch der Umgang mit ihnen ist offener geworden. Gleichzeitig sind die Anforderungen der Arbeitswelt gestiegen. Wissensarbeit, permanente Erreichbarkeit, eine hohe Veränderungsgeschwindigkeit und die Erwartung, sich immer wieder auf neue Technologien und Aufgaben einzustellen, prägen heute viele Berufe.
„Die klassischen psychischen Erkrankungen haben sich gar nicht so stark verändert. Was sich massiv verändert hat, ist die Arbeitswelt. Die Anforderungen an Flexibilität, Konzentration und die Bereitschaft, sich ständig auf Neues einzustellen, sind heute deutlich höher.“
Das spüren auch Unternehmen. Fehlzeiten aufgrund psychischer Erkrankungen treffen auf einen Arbeitsmarkt, in dem qualifizierte Beschäftigte vielerorts fehlen. Psychische Gesundheit ist damit längst nicht mehr nur ein individuelles oder soziales Thema, sondern zunehmend auch eine wirtschaftliche Frage.
Junge Menschen besonders im Blick
Ein großer Teil der Teilnehmenden bei Lavie ist heute zwischen 20 und 30 Jahre alt, einzelne Angebote richten sich bereits an Jugendliche ab 15 Jahren. Gerade in einer Lebensphase, in der Orientierung, Ausbildung und Berufseinstieg ohnehin große Veränderungen mit sich bringen, kann eine psychische Erkrankung den Weg ins Berufsleben erheblich erschweren. Lavie entwickelte deshalb bereits vor knapp 20 Jahren spezielle Angebote für Jugendliche und junge Erwachsene – ein Modell, das es nach Angaben der Einrichtung in dieser Form deutschlandweit nur dreimal gibt.
Dabei zählt nicht immer der schnelle Erfolg. Manchmal dauert es Jahre, bis aus ersten kleinen Entwicklungsschritten ein Ausbildungsabschluss oder ein Einstieg ins Berufsleben wird.
„Wir müssen lernen, Erfolge manchmal anders zu messen. Für den einen ist es der Ausbildungsabschluss, für einen anderen zunächst der Schritt, morgens wieder regelmäßig aufzustehen und verlässlich an einem Arbeitsprozess teilzunehmen. Auch daraus kann später sehr viel entstehen.“
Ausbildung als Schlüssel zur Teilhabe
Eine besondere Bedeutung kommt deshalb der beruflichen Ausbildung zu. Lavie bildet in zahlreichen Berufsfeldern aus und verbindet die reguläre fachliche Qualifikation mit sozialpädagogischer und psychologischer Begleitung. Ziel ist nicht die dauerhafte Beschäftigung innerhalb der eigenen Strukturen. Die Ausbildung soll vielmehr die Voraussetzungen schaffen, anschließend auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt Fuß zu fassen.
Dass dieser Ansatz funktioniert, zeigte sich erst vor wenigen Wochen: Alle Absolventinnen und Absolventen eines Ausbildungsjahrgangs bestanden ihre Abschlussprüfungen. Hinter solchen Erfolgen stehen häufig Lebensläufe mit Schul- oder Ausbildungsabbrüchen, persönlichen Krisen und Rückschlägen. Umso größer ist die Bedeutung jedes Abschlusses – und der Perspektive, die daraus entsteht.
Eine Chance für Arbeitgeber
Genau hier sieht Wollenhaupt auch die Unternehmen der Region als wichtige Partner. Menschen mit psychischen Erkrankungen verfügten häufig über Fähigkeiten und Stärken, die in einem klassischen Bewerbungsverfahren nicht unbedingt auf den ersten Blick sichtbar werden. Entscheidend sei deshalb, nicht ausschließlich danach zu fragen, was jemand nicht leisten könne, sondern genauer hinzuschauen, wo seine Stärken liegen. „Wenn es passt, hat man häufig Beschäftigte mit außergewöhnlichen Fähigkeiten und einer hohen Loyalität gegenüber ihrem Arbeitgeber.“ Nicht jeder Arbeitsplatz müsse dafür komplett neu gedacht werden. Manchmal könnten bereits vergleichsweise kleine Veränderungen bei Arbeitszeiten, Aufgabenverteilung, Verantwortung oder Organisation entscheidend sein. Gerade angesichts des Fachkräftemangels könne es sich für Unternehmen lohnen, solche individuellen Lösungen stärker in den Blick zu nehmen.
Das gilt auch für Menschen, die bereits im Unternehmen beschäftigt sind und im Laufe ihres Berufslebens psychisch erkranken. Eine Erkrankung müsse nicht automatisch das Ende einer Zusammenarbeit bedeuten. „Es gibt oft mehr Wege als die Trennung. Unser Wunsch ist, dass Unternehmen früher hinschauen und gemeinsam mit den Betroffenen überlegen: Was ist noch möglich und welche Unterstützung braucht es dafür?“ Lavie versteht sich deshalb ausdrücklich auch als Ansprechpartner für Arbeitgeber. Die Einrichtung hat Projekte entwickelt, um Unternehmen beim Umgang mit psychischen Erkrankungen zu unterstützen und Mitarbeitende sowie Führungskräfte für das Thema zu sensibilisieren.
Potenziale statt Defizite
Auch Lavie selbst wird sich weiter verändern müssen, sagt Wollenhaupt. Digitalisierung und Künstliche Intelligenz eröffnen neue Möglichkeiten, gleichzeitig wachsen Dokumentationspflichten, Qualitätsanforderungen und regulatorische Vorgaben. Bei allen technischen und organisatorischen Veränderungen dürfe jedoch eines nicht verloren gehen: der persönliche Kontakt. Gerade bei psychischen Erkrankungen bleibe die Beziehung zwischen Menschen ein zentraler Erfolgsfaktor.
Damit ist die Idee, mit der Lavie vor drei Jahrzehnten gestartet ist, erstaunlich aktuell geblieben. Menschen sollen nicht auf eine Erkrankung oder vermeintliche Defizite reduziert werden. Entscheidend ist vielmehr die Frage, welche Fähigkeiten sie mitbringen und unter welchen Bedingungen sie diese einsetzen können.
Für Unternehmen steckt darin ebenfalls eine wichtige Botschaft: In einer Arbeitswelt, in der Fachkräfte knapper und Erwerbsbiografien individueller werden, kann die Fähigkeit, Potenziale zu erkennen und Menschen entsprechend ihrer Stärken einzusetzen, selbst zum Wettbewerbsfaktor werden.